Bildgenese als Enigma

‘Melting the traces’, so der Titel der Schau der Galerie p66, die aktuellen Tuschemalereien und Keramikobjekten der Dresdner Künstlerin Maria K. Morgenstern eine Einzelausstellung widmet.

Seit 2018 arbeitet die in Leipzig Geborene in der Ateliergemeinschaft Mikky Burg in der Äußeren Neustadt Dresdens. Bereits während ihres Studiums der Malerei, das sie 2018 an der hiesigen Kunsthochschule für Bildende Künste abschloss, wurde Morgenstern mehrfach durch Stipendien ausgezeichnet und ist seither Meisterschülerin bei Prof. Christian Macketanz.

Ihre großformatigen Tuschemalereien entstehen auf beiden Seiten des Bildträgers, wobei die Künstlerin dem Betrachter ausschließlich eine Hauptansicht gewährt. In nahezu fakturlosem Duktus verbirgt sie bewusst die Spuren des Malprozesses. Mit bloßen Händen formt Morgenstern das Bild gleich einer Skulptur aus Tuschen auf flach am Boden liegendem Büttenpapier. Die Entscheidung, den Bildträger manuell, ohne Zuhilfenahme jeglichen Mal- und Zeichengeräts zu bearbeiten, rührt vom Interesse der Künstlerin für archaische präzivilisatorische Symbolik und rückt ihre Arbeitsweise in die Nähe der Gebärde, entwicklungsgeschichtlich die früheste Form humanoider Kommunikation. In der westlichen Kunstgeschichte spielt diese insbesondere in der informellen Malerei und dort dem Setzen von Zeichen eine wesentliche Rolle. Sei es das bewusste Integrieren von Farbspuren im Bild, aber auch die Manipulation unbeabsichtigter Farbspuren zu absichtsvollen Zeichen.

 

Auch Maria Morgenstern verweilt nicht ausschließlich bei instinktgeleiteten, genetisch programmierten Gebärden, sondern entwirft im Laufe der Zeit ein eigenes wiederkehrendes Zeichenrepertoire, das zu Teilen auf Tradiertem basiert. Es sind einerseits sehr konkrete figurative Codes wie das in zahlreichen Reihungen angelegte überdimensionale „X“, Variable und Stellvertreter für Unbekanntes, dem sie 2018 eine Dresdner Ausstellung unter dem Titel „Superzeichen“ widmet. Ebenso metonymisch sind ihre in vertikaler Ausrichtung getürmten cartoongleiche Augenpaare wie sie u.a. in der Diplomausstellung 2018 zu sehen waren. Formal evozieren diese nicht allein die ikonische Qualität des Comics sondern wie im Titel der Arbeit anklingend sogar die phänotypische Nähe zur Pflanzenwelt.

Rezente Arbeiten der Künstlerin, zuletzt zu sehen in der Gruppenausstellung Superphysical der Dresdner Galerie Drei, wenden sich verstärkt stereometrischen Körpern zu. Kegel füllen in lichten, pastellenen Tuschen vom Unterrand des Blattgevierts den gesamten Bildraum. In den aktuellen Arbeiten der Ausstellung wird die monumentale Gestalt des Kegels immer stärker zugunsten einer transitorischen und nahezu narrativen Wirkung aufgelöst. Betrachten wir die Trias in Ocker und Grauschwarz, entsteht, ausgehend von den Randbereichen der Komposition, ein Moment der Irritation. Schwindende, diffus angelegte Farbschichten der Konturen scheinen in Auflösung begriffen, den Malgrund freizugeben. Doch was wir sehen, sind Spuren der Farbe, die von der Rückseite der Arbeit nach recto diffundieren. Wir erkennen, dass die Farbe auf beiden Seiten des Blattes geformt wurde, um den Eindruck des Transluzenten und Ephemeren zu erwecken.

Denn Maria Morgenstern gelingt es bereits vor dem Farbauftrag, bestimmte Partien des Malgrundes zu isolieren, regelrecht freizustellen, sodass die Tusche hier nicht oder nur partiell vorzudringen vermag – wie dies genau geschieht, ist ihr legitimes Geheimnis. Dieses Geheimnis des Malprozesses ruft zugleich die Allusion eines Urtopos der Schrift und des Zeichens ins Gedächtnis, dessen Bedeutsamkeit nicht zuletzt in seiner Rätselhaftigkeit und Existentialität eine reiche bildkünstlerische, musikalische und literarische Rezeption hervorgerufen hat. Die Rede ist vom Gastmahl des König Belsazar, eine der bildmächtigsten Szenen aus dem Buch Daniel im Alten Testament. Der betrunkene babylonische König schändet die heiligen Gefäße aus dem Jerusalemer Tempel, spottet Gott und wird dafür bestraft. Doch nicht die Strafe ist es, welche die Geschichte so bemerkenswert macht. Es ist vielmehr die Art, wie Belsazar sein Untergang angezeigt wird: Wie von Zauberhand werden mitten im rauschenden Fest Buchstaben an die Wand geschrieben – eine Flammenschrift, die keiner, auch nicht die Weisen des Hofes, zu entschlüsseln vermag. Erst der herbeigerufene Daniel kann dem König die Bedeutung erklären. Maria Morgenstern spielt mit dem Wissen um die Kulturgeschichte des Zeichens, und der Schrift, das sich selbstreferentiell letztlich in ihrem Malprozess wiederspiegelt. Ein maltechnischer Prozess den sich die Künstlerin seit Beginn ihres Studiums auf experimentellem Weg erarbeitet hat.

 

Er ist gewissermaßen auch das Resultat einer Suche nach einer Bildsprache, die über Ölmalerei auf Leinwand und Papier nun zu einer rein manuell-gebärdenden Technik mit verschiedenen Tuschearten geführt hat. In der Serie der drei Blätter dieses Jahres verwendet sie neben Zeichen-, überwiegend Ausziehtusche, deren Bindemittel Schellack, eine harzige Substanz, für eine deckende Wirkung sorgt und prinzipiell für kalligrafische Zwecke eingesetzt wird, aber im Gegensatz zu exakter Konturierung und dem Anlegen von definierten Lineaturen entscheidet sich Morgenstern für Flächen- und Raumwirkungen und nutzt zudem die weniger permeable Oberfläche des Passepartoutkartons, ihres dichten Bildträgers, um weiche Übergänge, ja bisweilen fast fotogrammartige Konturen zu formen. Sie mischt hier vor allem Tuschen der Farbtöne Sepia und Bister für intensives Schwarz-Braun und Tuschen im Kolorit von Helianthus (Sonneblume), gebrannter Siena, die diese dunklen transitorischen Kegel umgeben.

 

Maria Morgenstern entwickelt ihr Formenvokabular nicht unabhängig vom maltechnischen Prozess, sie erschließt es in enger Verbindung mit den Medien der Tuschemalerei und Keramik. Das handwerkliche Fundament ihrer Arbeiten, oftmals Resultat längerer materialtechnischer Experimente, bleibt für den Betrachter jedoch häufig verborgen, ganz im Sinne des frühneuzeitlichen Konzepts der Sprezzatura, einer gewissen Nachlässigkei, die jeden Eindruck von Anstrengung und Mühe der Bildgenese vermeidet, ohne jedoch den Drang des Rezipienten nach Dechiffrierung des Werkes und seiner Entstehung zu mildern.

 

Katharina Arlt, 2019.

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