2021 verlagerte Mikky Burg seine Ausstellungen auf die Grenze zwischen Innen und Außen: Die große Fensterfront des Ateliers wurde zum Ausstellungsdisplay. In einem zweimonatigen Wechsel präsentierten die Künstler:innen von Mikky Burg eigens für das Projekt SHOW CASE entwickelte Arbeiten, die die Vielfalt der künstlerischen Positionen ins Außen spiegelten.

SHOW CASE Mikky Burg

DERGESTALT

Weiße Flächen amorpher Gestalt bedecken die Schaufensterfront der Ateliergemeinschaft Mikky Burg. Wie Amöben gleiten sie von den Rändern des Scheibengrundes in das Zentrum der Fenster. Im Bereich des Grafikdesigns würde man von fluiden Vektorformen sprechen, Formen, die jederzeit ihre Ausdehnung und Fläche verändern können.

 

Maria Katharina Morgenstern kreiert jene strukturlosen Wesen aus opaker Folie, wobei sie bewusst vakante Zwischenräume entstehen lässt, die den Blick ins Innere der Atelierräume freigeben. In den Abendstunden leuchtet der erhellte Atelierraum durch die unbedeckten Partien der Fensterfront, bei Tageslicht treten die opaken Formationen in den Vordergrund.

 

Wie auch in ihrem malerischen Werk, lässt die Künstlerin Zufall und Kontingenz wirksam werden. In ihrer transluzenten Malerei sind es Tuschen, die ungehindert über das Büttenpapier fließen, sich verdichten und mäandrieren. Zu einem bestimmten Zeitpunkt greift Morgenstern in den Prozess der Gestaltwerdung ein. Sie stoppt den Fluss des Malmittels, lenkt ihn in von ihr festgelegte Bahnen und hat bereits vor dem Malprozess das Trägermaterial entsprechend behandelt, so dass es semitransparente Eigenschaften annimmt. Bestimmte Partien des Büttenpapiers werden mittels Benzins isoliert, ja regelrecht freigestellt, die Tusche kann hier nicht oder nur partiell vordringen und auch die Rückseite des Malgrundes wird zur Schauseite. Bisweilen gießt die Künstlerin ihre Arbeiten in transparentes Epoxidharz ein, um sie hernach von einer Lichtquelle zu hinterleuchten. Meist entstehen fakturlose, organisch anmutende Formationen, doch häufig verbleiben die Emanationen aus Tusche in einer weitgehend abstrakten Formensprache. Der Prozess der Entstehung eines Kunstwerkes ist ein wesentlicher Aspekt im Oeuvre Maria Katharina Morgensterns.

 

Nach Beendigung ihres Meisterschülerstudiums bei Christian Macketanz an der Dresdner Hochschule für bildende Kunst wurde sie 2020 mit dem Hegenbarth-Stipendium der Dresdner Stiftung Kunst & Kultur der Ostsächsischen Sparkasse Dresden ausgezeichnet. Der Titel der Installation „Dergestalt“ wird zum clavis interpretandi für Morgensterns Arbeit. Wie der Begriff der „Gestalt“ bereits impliziert wird man ihrer nicht nur in sinnlicher Wahrnehmung ansichtig, sie wird auch in ihrer Genese einsichtig. Gemäß dem französischen Philosophen Maurice Merleau-Ponty ist „Gestalt“ weder als Essenz noch als Idee fassbar. Für ihn ist sie ein Ganzes, das sich nicht auf die Summe seiner Teile reduzieren lässt. Sie lässt sich auch nicht als Subjekt erfassen, weil die Erfahrung einer „Gestalt“ vom Leib des Menschen gemacht wird, der in jeder „Gestalt“ zugleich mit präsent ist, d. h. der Mensch ergänzt jede „Gestalt“ in stummem Mitvollzug, bevor überhaupt verstanden wird, worum es sich handelt. Gleiches gilt für Johann Wolfgang von Goethe, für ihn ist „Gestalt“ nur etwas Vorübergehendes im Fluss dauernder Metamorphose, etwas nicht objektiv Fassbares, da es in der Gestaltwahrnehmung keinen archimedischen Beobachter gibt, also keinen verlässlichen Ausgangspunkt, von dem aus ein Beobachter den Untersuchungsgegenstand mit Blick auf die Gesamtheit objektiv wahrnehmen kann.

 

Als Beobachter müsse man sich selbst ebenso beweglich und bildsam erhalten wie dasjenige, das man beobachtet. Der Mensch ist somit Teil des transitorischen Prozesses der Gestaltung, der Erhaltung von Bewegung und stetiger Entwicklung. Auf diesen Moment rekurriert die Künstlerin Maria Katharina Morgenstern, wenn sie ihrem Werk den Freiraum seiner eigenen Gestaltwerdung, in Form des Zufalls, einräumt, und diesem Prozess die persönliche künstlerische Einflussnahme folgen lässt.

Katharina Arlt